Jara Infanger


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«A NEW GENDER DIVIDE IS EMERGING»

Wie ein Artikel der «Financial Times» für Aufsehen sorgt und was ein Hashtag, Algorithmen und Rechtspopulismus damit zu tun haben.

Mit gekrümmtem Rücken und verknoteten Beinen sitze ich, Ende Januar dieses Jahres, über den kleinen Bildschirm meines Smartphones gebeugt. Unbekümmert konsumiere ich auf dem Bildschirm Medieninhalte, die mir angezeigt werden. Wenig beeindruckt von diesen Inhalten, wischt mein Daumen in rhythmischen Bewegungen entlang des Bildschirms, um erneut Inhalte generiert zu bekommen. Ein weiteres Mal ist mein Daumen daran, die schon abermals eingeübte Bewegung auszuführen, doch dann halte ich kurz inne und lasse das Video wiederholt laufen – jetzt mit meiner vollen Aufmerksamkeit. Im Hintergrund des Videos ist ein Artikel eingeblendet. Im Vordergrund tritt eine Person ins Bild, deren Stimme von nun an meinen Blick steuert. Sie erläutert mir, was ich im Hintergrund zu erkennen habe. So lerne ich, dass es sich bei dem schwarzen Text auf dem orangen Hintergrund um einen Artikel der «Financial Times» von John Burn-Murdoch handelt.

Der Artikel mit dem Titel «A new gender divide is emerging» rezipiert eine Studie der US-amerikanischen Geschlechterforscherin Alice Evans. Ein Bildwechsel findet statt, die Stimme erklärt mir nun, dass die vier Liniengrafiken, die zu sehen sind, die visualisierten Forschungsergebnisse von Alice Evans sind. Vier Grafiken, für die Länder: Südkorea, Amerika, Deutschland und Grossbritannien. Horizontal der vier Grafiken sind Punkte von -20 bis +50 abgebildet. Senkrecht sind in Fünf-Jahres-Schritten Jahreszahlen von 2005 bis 2020 angegliedert. Je eine rote und blaue Linie zieren die Grafiken. Die rote Linie stellvertretend für Frauen*, die blaue – natürlich – für Männer*. Dafür befragt wurden Frauen* und Männer* im Alter zwischen 18 und 29 Jahren – also die Generation Z. Auf allen Grafiken ist zu beobachten, dass die rote und blaue Linie bis ins Jahr 2010 nahe beieinanderlagen. Von da an gehen die rote und die blaue Linie signifikant auseinander. Rot geht kontinuierlich in die Höhe und Blau bewegt sich nach unten. Die sich separierenden Linien zeigen die politische Spaltung innerhalb der Generation Z. Eine geschlechtsspezifische Separierung der politischen Haltungen innerhalb einer Generation konnte in diesem Ausmass bislang nicht festgestellt werden. Weiblich gelesene und sozialisierte Personen werden tendenziell progressiver – die rote Linie. Anders die blaue Linie, die sich abwärts bewegt, was darauf schliessen lässt, dass männlich gelesene und sozialisierte Personen sich zunehmend politisch konservativer orientieren. Im Artikel der «Financial Times» werden zwei Auslöser für diese Bewegung genannt: die #Metoo-Bewegung und die Mediennutzung.

MIT HASHTAGS UND ALGORITHMEN ZU RECHTSPOPULISMUS

Die #Metoo-Bewegung ist eine feministische Bewegung, die im Jahr 2017 im Zuge der öffentlichen Anschuldigungen der sexuellen Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung gegen Harvey Weinstein, einen Hollywood-Produzenten, an Verbreitung gewann. Mit dem Hashtag «Me too» – zu Deutsch «Ich auch» – teilen betroffene FINTA-Personen global ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Das Hashtag wurde in seinen ersten 24 Stunden 200’000-fach geteilt. Diese mediale Reichweite entwickelte sich zu einer globalen gesellschaftlichen Debatte. Die #Metoo-Bewegung wurde damit zu einer treibenden Kraft für die Forderung zur Beendigung des Patriarchats, also der gesellschaftlichen und systematischen bevorzugten Stellung des Mannes in sozialen Beziehungen, Werten, Normen und Verhaltensmustern, kontrolliert, geprägt und repräsentiert durch Väter und Männer. Die Beendigung des Patriarchats wird nicht nur auf der Strasse, sondern eben auch im Internet gefordert. Mit der Medialität der #Metoo-Bewegung wird der Zusammenhang zur Mediennutzung, der als weiterer Auslöser zur Studie genannt wird, sichtbar.

Um das zu kontextualisieren, muss die infrage gestellte Mediennutzung mit zwei Begriffen aufgebrochen werden – der «Filterblase» und der Echokammer. Mit Algorithmen wurde das Internet personalisiert und «Filterblasen» wurden geschaffen. Algorithmen dienen in erster Linie dazu, Medieninhalte für Nutzer*innen zielgerichtet und individuell wiederzugeben. So können Werbeanzeigen mit grösstmöglichem Erfolg platziert werden, was eine Plattform lukrativ macht. Nebst ökonomischen Zwecken werden Inhalte mittels Algorithmen vorselektioniert, sodass den Nutzer*innen ausschliesslich Inhalte zugespielt werden, die vom Algorithmus als relevant und meinungskompatibel erachtet werden. So erhöhen die Betreiber*innen die Abhängigkeit der Nutzerinnen. Dies kann allerdings eine Isolation von Informationen und Meinungen ausserhalb der eigenen «Filterblase» zufolge haben. Inhalte, die der eigenen Wahrnehmung und Meinung abweichen, werden entfernt und lassen einen im Glauben, dass wir, insbesondere in unserer politischen Haltung, einer «Norm» entsprechen. Dies kann zu einem sogenannten Echokammer-Effekt führen. Dieser Effekt beschreibt den überwiegenden oder ausschliesslichen Kontakt mit gleichgesinnten Personen, der primär virtuell auf sozialen Plattformen stattfindet. Was zu fehlender Diversität in der Wiedergabe der Inhalte führt und eine verzerrte Wahrnehmung bei Nutzer*innen mit sich zieht.

Die Folgen dieser «Filterblasen» und des Echokammer-Effekts sind Polarisierungen, verzerrte Realitäten, eingeschränkter Meinungsaustausch bis hin zu Radikalisierungen. Ein Nährboden für rechte Ideologien. Der Studie von Evans ist zu entnehmen, dass der Queer-Feminismus mit seinem Streben nach der Beendigung des Patriarchats zu einer antifeministischen Gegenreaktion führte. Eine rechtspopulistische Ideologie, die durch «Filterblasen» und Echokammern via soziale Medien an Popularität gewann. Und dennoch machen es unsere eigenen «Filterblasen» und Echokammern schwer, den aktuell voranschreitenden globalen Rechtsrutsch zu sehen. Das, obwohl er so nahe ist, denn es sind die Männer unserer Generation. Junge Schweizer Männer, die eine SVP und Junge Tat unterstützen. Eine rechtsextreme Vereinigung, die offenkundig rassistische, sexistische und queerfeindliche Ideologien vertritt und verbreitet.

MIT WISSEN GEGEN UNWISSEN

Unabhängig von der Repräsentativität der Studie von Evans ist es wichtig, diese Bewegung anzuerkennen, um entsprechend handeln zu können. Wir stehen jetzt vor einem bereits voranschreitenden Rechtsrutsch, und klar ist, dass dieser mit der zunehmenden medialen Nutzung nicht schwindet. Eine Bewegung, die eine derartige gesellschaftliche Spaltung mit dem Potenzial zur Verbreitung menschenfeindlicher Ideologien hat, kann eine akute Gefahr für alle sein, die nicht cis-Männer und weiss sind. Ob eine reflektierte Mediennutzung allein genügt, um diese Bewegung einzudämmen, ist zu bezweifeln. Dennoch ist ein Streben danach von Bedeutung, ebenso der bewusste Austausch mit Personen ausserhalb der eigenen «Filterblase», um potenziellen Meinungsisolationen entgegenzuwirken.