Jara Infanger


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«DEBATTIER MICH!» – VERA ÇELIK ÜBER POLITIK, KOPFTUCH UND WARUM SIE FÜR DEN NATIONALRAT KANDIDIEREN WILL

Die 19-jährige Vera Çelik steht für eine Generation, die Politik nicht als Berufung, sondern als Lebensrealität versteht. Sie ist jung, Muslimin, feministisch, laut und will in zwei Jahren in den Nationalrat.

Sie schüttet Zucker in ihren Pfefferminztee. «Meine Rechtsschutzversicherung hasst mich», sagt Vera und lacht. Dabei blitzt ein Glitzerstein an ihrem linken Eckzahn auf.

Als Stefan Büsser in seiner SRF-Comedyshow «Late Night Switzerland» am 13. April Vera Çelik, eine 19-Jährige mit Kopftuch, mit einem Bild des JSVP-Präsidenten Nils Fiechter verglich, der mit einem gebastelten Bombengürtel auf dem Bundesplatz für das Verhüllungsverbot demonstriert hatte, gingen bei der Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz 514 Beanstandungen ein. Der Vorwurf lautete: antimuslimischer Rassismus.

Vera klagte nicht. «Gegen die SRG vorzugehen wäre aussichtslos», sagt sie. Stattdessen traf sie sich mit Büsser und den jeweiligen Anwälten. Man einigte sich: Sie zieht ihre Beanstandung zurück, wenn Büsser öffentlich über antimuslimischen Rassismus spricht. «Bis jetzt ist nichts passiert», sagt sie und rührt im Tee, bis die Minzblätter einen kleinen Tornado bilden.

Vera sitzt in einem Café in Zürich. Durch das Lichtspiel der Fenster entsteht hinter ihr ein fast feenhaftes Bild. Mitten darin sie: rehbraune Augen, rosige Wangen, ein pinker Strickpullover und ein purpurroter Jersey-Hijab. Fröhlich, engagiert und rastlos.

«ICH WÜNSCHE MIR, DASS EINER VON IHNEN EINE TOCHTER HAT, DIE ZUM ISLAM KONVERTIERT UND EIN KOPFTUCH TRÄGT»

Am Tag zuvor war Vera durch die Hallen des Bundeshauses gewandelt. «Am liebsten sehe ich Erich Hess, Andreas Glarner und Jean-Luc Addor; sie mich nicht», sagt sie und lacht. «Ich wünsche mir, dass einer von ihnen eine Tochter hat, die zum Islam konvertiert und ein Kopftuch trägt. Sie haben so Angst vor etwas, das keine Bedrohung ist. Ich frage mich, ob sie auch vor der eigenen Tochter Angst hätten.»

Seit zwei Jahren trägt sie das Kopftuch. «Seither erlebe ich Diskriminierung auf eine neue Art», sagt sie. Früher sei sie kaum aufgefallen, wenn man ihren Namen nicht genau gelesen habe. «Das hat mich politisiert. Ich habe gemerkt, wie viele Strukturen nicht für Menschen wie mich gemacht sind.»

«DANN MACH DU DAS DOCH!»

Es gibt noch eine andere Geschichte, wie alles begann. Vera war sieben oder acht Jahre alt, als ihr auffiel, dass die Stimmcouverts ihrer Eltern am Esstisch unberührt lagen. «Dann mach du das doch», habe ihr Vater im Scherz gesagt. Also tat sie es.

«Mit jedem Couvert wurde ich besser», sagt Vera. Anfangs habe sie die Couverts mit Washi-Tape wieder zugeklebt, weil sie sie beim Öffnen zerrissen habe. Sie habe jedes Abstimmungsheft durchgelesen. «Ich wusste nicht, was eine Fraktion ist oder was ‹Der Bundesrat empfiehlt› heisst.»

Mit der Zeit habe sie gemerkt, dass es nicht nur um Schulhäuser oder Sportanlagen ging, sondern um sie selbst und ihre Eltern. «Mein kleines Ich dachte anfangs, wenn ‹Asyl› oder ‹Flüchtling› in einem Initiativtext steht, sei das etwas Gutes», sagt sie. So habe sich herausgestellt, dass sie lange unbewusst SVP gewählt habe.

Vera legt den Pfefferminztee beiseite, kramt in ihrer Tasche und zieht einen Kugelschreiber hervor – in Form einer blutgefüllten Spritze. Auf eine Serviette kritzelt sie «Nein ×» und «Ja <3». «So habe ich früher mit Glitzerstiften abgestimmt», sagt sie und grinst.

Ihr Vater ist Journalist und berichtet für die türkische Diaspora über die Schweiz. Er hätte gut selbst abstimmen können, sagt Vera. Ihre Eltern seien einfach dankbar gewesen, hier zu sein. Sie hätten gemischte Gefühle, seit sie sich politisch engagiere. «Meine Eltern hätten es lieber, ich würde etwas ‹Richtiges› machen.»

«MEIN WAHLKAMPFSONG STEHT SCHON FEST.»

«Als ich meine Lehre abgeschlossen habe, hätte ich nie gedacht, dass ich hier lande», sagt Vera. Sie ist ausgebildete Dentalassistentin. Die Semesterprüfung der Berufsmaturität bestand sie nicht. «In Mathematik hatte ich eine Eins», sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Als sie begann, sich als Dentalassistentin zu bewerben, erhielt sie nur Absagen. «Oft hiess es, ich sei das Gesicht der Praxis. Ob ich mir vorstellen könne, ohne Hijab zu arbeiten.»

Stattdessen begann sie, sich zu engagieren. Sie arbeitete für die SP, beteiligte sich an Klimaaktionen, wurde Mitglied der Geschäftsleitung der SP Migrant*innen und Vorstandsmitglied der SP Zürich. Heute gibt sie Workshops und führt den Podcast «verafiziert – der (polit-)Podcast».

Der Nationalrat sei das nächste Ziel. «Mein Wahlkampfsong steht schon fest», sagt Vera und singt von Chappell Roan, einer ihrer Lieblingskünstler*innen:

Ladies, you know what I mean

And you know what you need

And so does he

But does it happen? (no)

But does it happen? (no)

Well, what we really need is a femininomenon.

«MIGRANTISCHE MÜTTER LIEBEN DIANA»

Ihre Mutter sei grosser Lady-Di-Fan. «Weisst du, migrantische Mütter lieben Prinzessin Diana, weil sie uns sah», sagt Vera. «Diese Sichtbarkeit, die Macht der Symbolik, das darf man nicht unterschätzen.»

Deshalb wisse sie, was für ein Privileg es sei, sprechen zu dürfen. «Jedes Podium, jedes Votum – ich weiss das zu schätzen.» In zwei Jahren will sie für den Nationalrat kandidieren. «Die erste Nationalrätin mit Kopftuch.»

«Es braucht mehr Menschen, die aussehen wie ich, auch im Nationalrat.» Doch sie weiss, dass sie sich ständig beweisen muss. «Ich darf nicht stocken. Bei mir merkt man es sofort.» Genau darum liebe sie Podien. «Wenn ich über Energie- oder Mietgesetze rede, merken die Leute, dass ich weiss, wovon ich spreche.»

«Debattier mich!», sagt sie. «Ich bin keine Identitätspolitikerin. Ich kann dir fünf Wege nennen, wie man die AHV finanziert.»

Dann vibriert ihr Handy. «Entschuldigung, ich muss kurz …» Sie steht auf. In Winterthur wartet eine Kundgebung, an der sie gleich eine Rede hält. Der Pfefferminztee, halb ausgetrunken und längst kalt, bleibt auf dem Tisch stehen.