Jara Infanger


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CARMEN HÖRT ZU: GESCHICHTEN AUS EINEM COIFFEURSALON

Im Coiffeursalon von Carmen reden die Menschen seit 27 Jahren über alles Mögliche und Unmögliche. Zwischen Kamm und Schere wird sie zur Psychologin und Seelsorgerin. Ein Coiffeursalon wie viele in der Schweiz – und doch einzigartig, weil Carmen zuhört.

VIERTE KUNDIN

Die vierte Kundin des Tages setzt sich auf den rechten der beiden Stühle. Sie ist Stammkundin, weiss genau, was sie will, und Carmen weiss, was sie tut. Mit geübtem Griff bindet sie die Schürze um und legt den Kopf der Kundin sanft in den Waschtrog. Die Haare sollen kürzer werden, in ein paar Tagen steht eine Hüftoperation an. «Da will man es einfach haben», sagt die Kundin. Also schneidet Carmen die Kurzhaarfrisur noch kürzer.

Der Salon ist klein, kaum zwanzig Quadratmeter gross. Radio Pilatus dudelt im Hintergrund. Eine gelbe Wand, ein weiss gefliester Boden, zwei Stühle vor wellenförmigen Spiegeln. Dazwischen ein Regal voller Handtücher und Flaschen mit «Goldwell Stylesign Bodifying Control Mousse». Durch die Jalousien sieht man Einfamilienhäuser an der Studenstrasse, wo Carmens Coiffeursalon seit 27 Jahren steht.

Mitten im Raum steht sie selbst: Carmen, die Coiffeuse. Schulterlanges, dunkles, lockiges Haar, Koleston 55/0 plus 66/0 mit sechsprozentigem Oxidationsemulsion. Seit sie fünfzehn ist, schneidet sie Haare. In vier Jahren geht sie in Pension.

Während Carmen die grauen Strähnen zwischen die Finger nimmt, hört sie der Kundin zu. «Nach der letzten Operation wurde ich schmerzmittelabhängig», sagt diese. Carmen zieht eine Strähne glatt. «Passt das so von der Länge?» Die Kundin nickt. «Ja, ja.» Dann erzählt sie vom Enkel, der Vanessa Leuzinger heiratet – Miss-Schweiz-Dritte 2018. «Die hat die meisten Anrufe bekommen, aber nur den dritten Platz gemacht. Das ist doch Betrug!» Mit diesem Betrug hätte man an die Presse gehen müssen, sagt die Kundin.

Carmen beschwichtigt und fragt: «Mit Crème?» Sie stellt den Kaffee mit Crème neben die neue Schweizer Illustrierte mit dem Titel «Armon Orlik, der König». Nach einem kurzen Gesprächsunterbruch durch das Gedönse des Föhns hält Carmen den Rundspiegel in der Hand und erklärt der Kundin, wie sie ihrem Wirbel Stirn bieten kann. Der Kaffee wird im Stehen fertig getrunken. Die Kundin bezahlt und nimmt sich ein Sugus vom Tresen.

Nächster Termin: Dienstag, 11. November, 13.30 Uhr, nach der Physiotherapie.

FÜNFTE KUNDIN

Kaum ist die eine Kundin draussen, tritt schon die nächste ein. «Hast du alles dabei?», fragt Carmen. Die Kundin nickt und stellt Tupperware, Thermometer, Thermoskanne und eine Schachtel «Khadi, mittelbraun» auf die Theke.

Nachdem Carmen die Spitzen geschnitten hat, rührt die Kundin das Hennapulver an: heisses Wasser, Temperatur messen, 55 Grad. Zu heiss. Etwas kaltes Wasser wird dazugegossen, dann rühren, bis eine grüne, zähe Paste entsteht. Der Raum füllt sich mit schwerem, erdigem Geruch. «Als hätten wir hier drinnen Cannabis geraucht», sagt Carmen. Helles Gelächter bricht zwischen den beiden aus.

Carmen zieht Handschuhe über und trägt die Masse Strähne für Strähne auf. Der Brei krümelt, klebt und wird auf dem Kopf der Kundin zu einem grünen Helm aus Schlamm.Die Kundin liest aus der Packungsbeilage: «Die Farbe entsteht durch Oxidation des Hennapulvers und hängt von der Naturhaarfarbe ab. Sie muss, je nach gewünschtem Farbton, bei bestimmter Temperatur angerührt und mindestens eine Stunde auf dem Haar belassen werden.» Danach, erklärt sie, spüle sie die Haare zu Hause aus, und das Ergebnis entwickle sich in den kommenden zwei Tagen.

Carmen wischt ihr die Reste der Paste vom Gesicht, stülpt eine Duschhaube über, dann ein Handtuch, dann einen Turban. Mit dem dreissig Zentimeter hohen Turm auf dem Kopf steht die Kundin auf, bezahlt bar und packt ihre Tupperware wieder ein. «In dem Gefäss mache ich meine Salatsauce», sagt sie und lacht so sehr, dass sie den Turban mit der Hand festhalten muss.

Nächster Termin: Montag, 22. Dezember, 13.30 Uhr.

PAUSE

Eine Stunde Pause. Carmen lüftet, wischt und sprüht Zitronenduft gegen den Geruch. Dann sinkt sie selbst in den Friseurstuhl. «Es ist ein anstrengender Beruf», sagt sie.

«Die Kunden erzählen dir alles Mögliche und Unmögliche.» Oft sei sie Psychologin und Seelsorgerin zugleich, wie vor einem Monat, als eine Kundin drei Stunden bei ihr sass und von jahrelangem Missbrauch durch den Nachbarn erzählte. «Die Mutter hat das unter den Teppich gekehrt.» Die ganze Familie komme hierher. Sie könne ja nichts sagen, aber sie wisse alles, sagt sie.

Es gebe Männer, die über ihre Frustrationen im Sexualleben reden. «Was soll ich denen sagen?» Sie wirft die Hände in die Luft. «Es gibt auch so eklige Alte, die mich begrapschen.» Gegen die komme sie aber gut an. «Da kann ich böse werden», sagt Carmen.

Und dann gibt es Kundinnen, die ihr Anweisungen geben, wie sie die Haare zu schneiden habe. «In solchen Momenten muss ich mir sagen: Carmen, mach zu», sagt sie und zieht mit der Hand eine Reissverschlussbewegung über ihren Körper, als würde sie Geist und Körper verschliessen.

Sie fährt sich mit der Hand durchs Haar und blickt ins Spiegelbild. «Es gibt Tage, da liege ich im Bett und weiss nicht mehr, was ich mit wem geredet habe. Das macht mir schon Angst, als hätte ich Demenz.»

In vier Jahren geht sie in Pension. Sie freue sich darauf, habe aber auch Sorge. «Ich muss schauen, dass ich dann nicht in ein Loch falle.» Es sei zwar anstrengend, aber es sei das, wofür sie berufen sei.

SECHSTE KUNDIN

Die sechste Kundin betritt den Salon. Es riecht nach Zitrone. Haare waschen, Smalltalk, Conditioner, Bürsten. Carmen graduiert die Locken stufenweise für mehr Bewegung. «Das Wetter ist richtig herbstlich geworden», sagt die Kundin. Carmen nickt, schneidet weiter. Im Spiegel sieht sie kurz zur Kundin, dann wieder zu sich. Ein Schnitt. Ein müdes Lächeln.

Der nächste Termin steht schon fest.